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Die Geschichte des Blues in Deutschland
Aus den Anfangstagen ist heute, über 25 Jahre später eine breite und lebendige deutsche Bluesszene entstanden. Statt einer Handvoll Bands und ein paar Individualisten an Gitarre, Mundharmonika oder Klavier treten heute hunderte von Gruppen und Formation in den Clubs und auf den Festivals auf die Bühne und spielen den Blues. In Hildesheim, Osnabrück, Hamburg, Berlin, Frankfurt oder München existieren lebendige lokale Bluesszenen.
Zu den profiliertesten Gruppen und Bluesmusikern zählen heute heben den noch aktiven Bluesgruppen Das Dritte Ohr, Mojo Blues Band oder Blues Company aus den Anfängen des Blues im deutschsprachigen Raum die Gruppen B.B. & The Blues Shacks, The Bluescasters, Cadillac Blues Band, Stormy Monday Band, Friend´n Fellow, Richard Bargel, Christian Rannnenberg, The Dynacasters, Matchbox Blues Band, Dieter Kropp. Dies sind nur einige Namen von vielen, die inzwischen in Deutschland die Fans mit solidem Blues begeistern. Dutzende von CD-Veröffentlichungen belegen die Bandbreite und Qualität zahlreicher deutscher Blueser, die vom soliden City-Blues, Cajun, Country oder Jump & Jive alle Stilrichtungen präsent hält und weit über die gängigen Bluesklisches alter Männer am Mississippi oder sonnenbebrillter Blues Brothers Clowns hinaus geht.


Texte: u.a. Thomas Gutberlet und
Enzyklopädie des Blues von Gerard Herzhaft

Friend´n Fellow


Mojo Blues Band

Das Dritte Ohr
Wie der Blues nach Deutschland kam

"Somebody better help me, cause I can´t help myself", der Schweiß tropft von den Wänden in den Kellerkatakomben des Birdland. Auf der Bühne schafft sich ein langhaariges Quartett mit schleppendem Off-Beat durch den Junior Wells/Buddy Guy Klassiker "Snatch It back and Hold it". Handfester Chicago-Blues füllt den Raum, aber nicht in Theresa´s Lounge, 48th and Indiana auf Chicago´s Southside sondern in Frankfurt Sachsenhausen kurz vor Weihnachten 1976. Udo Wolff, Gesang und Mundharmonika, und Tom Schrader, Gitarre, aus Hildesheim sind mit ihrer Band Das Dritte Ohr unterwegs. Das Dritte Ohr, gegründet 1971, und eine Handvoll weiterer Bands wie die Osnabrücker Blues Company, die Rainer Baumann Band aus Hamburg, die PeeWee Bluesgang aus Hildesheim oder die Münchener Al Jones Bluesband, gehören zu den wenigen Gruppen, die in den siebziger Jahren in Deutschland auf Tour sind, um authentischen Blues mit eigenem Stil live zu präsentieren.
Blues in Deutschland und dann noch von hiesigen Musikern. Für die meisten eingeschworenen Bluesfans lange Zeit ein doppelter Anachronismus. Blues ist die Musik der schwarzen Amerikaner in Mississippi, in Detroit oder Chicago und nicht in Hildesheim, Osnabrück oder in Bayern. Howlin´Wolf, Muddy Waters oder B.B. King sind die Stars des originären Blues. Wer ist Abi Wallenstein, Toscho Todorovic oder Richard Hagel? Das man auch hierzulande erstklassigen Blues spielen und hören kann, ist von diesen und vielen anderen Bluesmusikern inzwischen unstrittig gezeigt worden. Dabei sind die einheimischen Wurzeln des Blues weit vor den Krautrockjahren vor gut 30 Jahren schon in den frühen fünfziger Jahren gepflegt worden. Das American Folk Blues Festival.
Ende der fünfziger Jahre stellten zwei deutsche Jazzfans, Horst Lippmann und Fritz Rau, fest, dass das europäische Publikum nicht viel vom Blues wusste. Abgesehen von dem kurz zuvor verstorbenen Big Bill Broonzy, der als der "letzte Bluessänger" galt, wurde der Blues nur als Quelle des Jazz zur Kenntnis genommen. Es ist so gut wie unmöglich, Bluesplatten aus Europa zu finden. In den schwarzen Clubs der amerikanischen Großstädte hingegen wimmelte es in dieser Epoche nur so von großen Namen des Blues, und Muddy Waters, Howlin’ Wolf, Jimmy Reed oder John Lee Hooker waren bei ihren Landsleuten sehr gut im Geschäft. Lippmann und Rau entschlossen sich also, eine Präsentation des noch lebendigen Blues zusammenzustellen, mit der sie 1962 eine Tournee durch Europa machten. Die Gruppe bestand aus John Lee Hooker, Memphis Slim, Sonny Terry und Brownie McGhee, Willie Dixon, Shakey Jake, T-Bone Walker und Helen Humes. Es war ein beachtlicher kommerzieller Erfolg und rief großes Interesse hervor, nicht nur bei den Jazzfans, von denen es schon eine Menge in Europa gab, sondern bei einem ganzneuen, viel jüngerem Publikum, das sich für Rock and Roll begeisterte und auf dieser Tournee eine der unverkennbaren Quelle seiner Musik entdeckte.
Neben dem durch die AFBF Veranstaltungen hervorgerufenen Bluesinteresse brachten die immer populärer werdenden britischen Rock-, Pop- und Bluesgruppen in Deutschland den britischen Blues dem Publikum deutlich näher. Durch diese beiden Entwicklungen vermischte sich für viele der schwarze und der weiße Blues zusehends. Teilweise wurde und wird immer noch von vielen Bluesinteressierten der britische Blues von Peter Green, John Mayall oder Eric Clapton als authentischer angesehen als der schwarze Blues ihrer erklärten Vorbilder und Lehrmeister.
Die ersten Bluesgruppen und Bluesmen begannen sich im deutschsprachigen Raum in diesem Umfeld zu emanzipieren. Anfang der Siebziger spielten die Frankfurt City Blues Band, Das Dritte Ohr, Lösekes Bluesgang, Blues Company, Al Jones Bluesband, Martin Philippi, Gerhard Engbarth, Richard Bargel und zahlreiche weitere Gruppen und Musiker in Deutschland in den wenigen Jazz- und Jugendclubs.
Vorrangig versuchte man Titel von Willie Dixon, Muddy Waters, B. B. King und anderen Stars des schwarzen Blues zu imitieren. Neben der Dominanz des Chicago Blues spielte außerdem der elektrische weiße Blues von Johnny Winter oder der Allman Brothers Band aus Amerika im Spiel vieler Musiker eine große Rolle. Auch der Folk-Blues im Rahmen des Blues Revival übte eine wesentliche Funktion in der musikalischen Rezeption aus. Das Dritte Ohr um den Sänger Udo Wolff und dem Gitarristen Tom Schrader, der Bluesbarde Gerhard Engbarth und die Charly Schreckschuss Band zählten zu den ersten, die den Blues auch in deutscher Sprache vortrugen.
Das Interesse und die Bemühungen dieser Musiker korrespondierten mit der Zunahme an Auftritten und Tourneen schwarzer Bluesmen unabhängig vom AFBF in Deutschland in den siebziger Jahren und dem Auftreten kleiner Plattenfirmen und Produzenten, die den deutschen Bluesern neue Möglichkeiten der Verbreitung anboten. Auf dem Ornament Label von Siegfried Christmann erschienen Aufnahmen von John Lee Hooker und Champion Jack Dupree neben Platten von Blues Delivery oder der Dusty Broom Blues Band. Die Plattenfirma Pläne veröffentlichte Aufnahmen der Delta Blues Band, Das Dritte Ohr wurde von Teldec produziert, Gerhard Engbarth erschien bei L+R Records. In Frankfurt gründete sich ein Freundeskreis von Bluesinteressierten, der German Blues Circle, der seit 1976 ein monatliches Informationsblatt verlegt und es gab das Magazin Blues Forum. Bis auf das Info des German Blues Circle existieren heute leider keine Zeitschriften von früher mehr, seit ein paar Jahren ist aber in Deutschland für den Bluesfan das Journal Bluesnews mit Informationen und Nachrichten aus der hiesigen Bluesszene erhältlich.
Die von 1962 bis 1970 (1972 gab es zwei Festival-Tourneen) 1980 bis 1983 und letztmalig 1985 eingestellten AFBFs fanden zunehmend Nachfolger in regionalen Bluesfestivals. Neben dem Festival in Gaildorf entstanden Bluesfestivals in Lahnstein, Unna, Leverkusen und Bremen mit zum Teil exklusiv verpflichteten amerikanischen Bluesgrößen, die den Kontakt zu originären Bluesmusikern verstärkten und zugleich lukrative Auftritte für deutschsprachige Bluesmen boten. Bei der Produktion von Bluesplatten eroberte sich Detlev Hoegen mit Crosscut Records und dem angeschlossenen Versandhandel eine wichtige Stellung. Heute ist Crosscut, neben Document und Stumble Records das führende Blueslabel im deutschsprachigen Raum.
Das zunehmende Interesse am Blues bewegte einige schwarze Bluesmen, sich in Deutschland und Europa niederzulassen und den direkten Austausch mit den weißen Musikern hier zu pflegen. Am bekanntesten ist hier Champion Jack Dupree, der sich 1975 in Hannover niederließ, wo er 1992 verstarb. Der Gitarrist Louisiana Red lebt ebenfalls seit Anfang der achtziger Jahre in Hannover. Er ist regelmäßig mit deutschen und europäischen Bluesbands auf Tournee und auf zahlreichen Plattenproduktionen hier ein gerngesehener Gast. Aus Detroit holte der Bluespianist Christian Rannenberg den Saxophonisten Gary Wiggins nach Deutschland und tourte viele Jahre erfolgreich mit ihm als International Blues Duo. Wiggins lebt und arbeitet heute in Berlin. Der Sänger und Gitarrist Sidney Selby alias Guitar Crusher kam von New York nach Berlin und lebt heute in Freiburg. Feste Bestandteile der deutschsprachigen Bluesszene heute sind auch der Sänger Ed Davis oder die Sängerin Angela Brown. Neben den schwarzen Bluesmen und Blueswomen war auch für einige weiße Bluesmen die alte Welt attraktiv genug, um sich hier anzusiedeln, Jim Kahr, Steve Baken Matt Walsh oder Tom Shaka treten in Clubs und auf Festivals regelmäßig auf.
Von Anfang an eine besondere Entwicklung nahm im deutschsprachigen Raum der Boogie-Woogie. Im deutschen Jazz häufig als Jitterbug annonciert, hatten ihn viele Jazzpianisten in ihrem Repertoire. In den Berliner Jazzclubs der fünfziger Jahre begeisterte hier Toby Fichelscher; Leopold von Knobelsdorff führte die Boogie Woogie Company in Köln. Eine ganze Garde junger Pianisten begann sich in den siebziger Jahren diesem Genre zu verschreiben, zum Teil angeregt durch alte Plattenaufnahmen der Boogie-Woogie-Größen Albert Ammons oder Pete Johnson, zum Teil durch die Auftritte und Gastspiele von Memphis Slim, Champion Jack Dupree, Sunnyland Slim und anderen Bluespianisten in Europa. Vince Weber, Axel Zwingenberger und Joe Penzlin etablierten sich und den Boogie Woogie in der deutschsprachigen Musiklandschaft. Durch seine Zusammenarbeit mit Big Joe Turner, Lionel Hampton, Sippie Wallace und vielen anderen Jazz- und Bluesmusikern gilt Axel Zwingenberger heute als legitimer Erbe der großen Boogie-Woogie Pianisten der dreißiger und vierziger Jahre. Es gibt heute eine ganze Anzahl junger Pianisten, die sich im Gefolge von Axel Zwingenberger und Vince Weber dem Boogie-Woogie zugewandt haben; genannt seien Christian Christi, Christian Willisohn, Martin Schmidt, Edwin Kimmler, Christian Bleiming oder Ulli Kron.
Waren nach und in der Zeit des AFBF bei den aufkommenden ersten Bluesgruppen im deutschsprachigen Raum Chicago Blues, Folk Blues und weiße Bluesadaptionen die dominierenden Stilrichtungen, traten im Laufe der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre zunehmend lokal geprägte Bluesstile aus Texas, New Orleans und Memphis hinzu. Die stilistische Verbreiterung hing zum einen mit den häufigeren Kontakten mit in Europa gastierenden Künstlern zusammen. Diese traten immer häufiger mit ihren eigenen Begleitgruppen auf, die ein deutlich prägnanteres Zusammenspiel präsentieren konnten, als es im Rahmen der AFBFs möglich gewesen war. Zum anderen übten die erfolgreichen Blues- und Soulkünstler aus Memphis und deren Auftritte auf europäischen Jazzfestivals einen deutlichen Einfluss aus. Eigenständigere Wege ging die österreichische Gruppe Mojo Blues Band um den Gitarristen Eric Trauner, die Chicago Blues und Zydeco, Swamp Blues und Westcoast Rhythm & Blues verarbeiteten. Als Begleitung von Big Jay McNeely, Katie Webster und A. C. Reed gewannen sie Anerkennung weit über die Grenzen Österreichs hinaus. Die Stormy Monday Blues Band reicherte ihren Blues mit einer eigenen Horn-Section an.
Neben Bluesgitarre und Boogie-Woogie-Piano steht für viele Bluesinteressierte die Mundharmonika im Mittelpunkt. Das Interesse an diesem Instrument lebt seit den Anfängen des AFBF und den Auftritten von Sonny Boy Williamson, Junior Wells und Big Walter Horton. In den siebziger und achtziger Jahren verstärkte es sich zunehmend, gefördert durch die Auftritte von weißen Bluesmundharmonikavirtuosen, Charlie Musselwhite, William Clarke, Rod Piazza oder James Harman begeisterten hier ein dankbares Publikum. Inzwischen stehen die deutschsprachigen Bluesmen Thomas Feldmann, Dieter Kropp oder Klaus "Mojo" Kilian ihren schwarzen und weißen Vorbildern hier kaum nach.


Texte: u.a. Thomas Gutberlet und Enzyklopädie des Blues von Gerard Herzhaft

 


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