"Somebody better help me, cause I can´t
help myself", der Schweiß tropft von den
Wänden in den Kellerkatakomben des Birdland.
Auf der Bühne schafft sich ein langhaariges Quartett
mit schleppendem Off-Beat durch den Junior Wells/Buddy
Guy Klassiker "Snatch It back and Hold it".
Handfester Chicago-Blues füllt den Raum, aber
nicht in Theresa´s Lounge, 48th and Indiana
auf Chicago´s Southside sondern in Frankfurt
Sachsenhausen kurz vor Weihnachten 1976. Udo Wolff,
Gesang und Mundharmonika, und Tom Schrader, Gitarre,
aus Hildesheim sind mit ihrer Band Das Dritte Ohr
unterwegs. Das Dritte Ohr, gegründet 1971, und
eine Handvoll weiterer Bands wie die Osnabrücker
Blues Company, die Rainer Baumann Band aus Hamburg,
die PeeWee Bluesgang aus Hildesheim oder die Münchener
Al Jones Bluesband, gehören zu den wenigen Gruppen,
die in den siebziger Jahren in Deutschland auf Tour
sind, um authentischen Blues mit eigenem Stil live
zu präsentieren.
Blues in Deutschland und dann noch von hiesigen Musikern.
Für die meisten eingeschworenen Bluesfans lange
Zeit ein doppelter Anachronismus. Blues ist die Musik
der schwarzen Amerikaner in Mississippi, in Detroit
oder Chicago und nicht in Hildesheim, Osnabrück
oder in Bayern. Howlin´Wolf, Muddy Waters oder
B.B. King sind die Stars des originären Blues.
Wer ist Abi Wallenstein, Toscho Todorovic oder Richard
Hagel? Das man auch hierzulande erstklassigen Blues
spielen und hören kann, ist von diesen und vielen
anderen Bluesmusikern inzwischen unstrittig gezeigt
worden. Dabei sind die einheimischen Wurzeln des Blues
weit vor den Krautrockjahren vor gut 30 Jahren schon
in den frühen fünfziger Jahren gepflegt
worden. Das American Folk Blues Festival.
Ende der fünfziger Jahre stellten zwei deutsche
Jazzfans, Horst Lippmann und Fritz Rau, fest, dass
das europäische Publikum nicht viel vom Blues
wusste. Abgesehen von dem kurz zuvor verstorbenen
Big Bill Broonzy, der als der "letzte Bluessänger"
galt, wurde der Blues nur als Quelle des Jazz zur
Kenntnis genommen. Es ist so gut wie unmöglich,
Bluesplatten aus Europa zu finden. In den schwarzen
Clubs der amerikanischen Großstädte hingegen
wimmelte es in dieser Epoche nur so von großen
Namen des Blues, und Muddy Waters, Howlin’ Wolf,
Jimmy Reed oder John Lee Hooker waren bei ihren Landsleuten
sehr gut im Geschäft. Lippmann und Rau entschlossen
sich also, eine Präsentation des noch lebendigen
Blues zusammenzustellen, mit der sie 1962 eine Tournee
durch Europa machten. Die Gruppe bestand aus John
Lee Hooker, Memphis Slim, Sonny Terry und Brownie
McGhee, Willie Dixon, Shakey Jake, T-Bone Walker und
Helen Humes. Es war ein beachtlicher kommerzieller
Erfolg und rief großes Interesse hervor, nicht
nur bei den Jazzfans, von denen es schon eine Menge
in Europa gab, sondern bei einem ganzneuen, viel jüngerem
Publikum, das sich für Rock and Roll begeisterte
und auf dieser Tournee eine der unverkennbaren Quelle
seiner Musik entdeckte.
Neben dem durch die AFBF Veranstaltungen hervorgerufenen
Bluesinteresse brachten die immer populärer werdenden
britischen Rock-, Pop- und Bluesgruppen in Deutschland
den britischen Blues dem Publikum deutlich näher.
Durch diese beiden Entwicklungen vermischte sich für
viele der schwarze und der weiße Blues zusehends.
Teilweise wurde und wird immer noch von vielen Bluesinteressierten
der britische Blues von Peter Green, John Mayall oder
Eric Clapton als authentischer angesehen als der schwarze
Blues ihrer erklärten Vorbilder und Lehrmeister.
Die ersten Bluesgruppen und Bluesmen begannen sich
im deutschsprachigen Raum in diesem Umfeld zu emanzipieren.
Anfang der Siebziger spielten die Frankfurt City Blues
Band, Das Dritte Ohr, Lösekes Bluesgang, Blues
Company, Al Jones Bluesband, Martin Philippi, Gerhard
Engbarth, Richard Bargel und zahlreiche weitere Gruppen
und Musiker in Deutschland in den wenigen Jazz- und
Jugendclubs.
Vorrangig versuchte man Titel von Willie Dixon, Muddy
Waters, B. B. King und anderen Stars des schwarzen
Blues zu imitieren. Neben der Dominanz des Chicago
Blues spielte außerdem der elektrische weiße
Blues von Johnny Winter oder der Allman Brothers Band
aus Amerika im Spiel vieler Musiker eine große
Rolle. Auch der Folk-Blues im Rahmen des Blues Revival
übte eine wesentliche Funktion in der musikalischen
Rezeption aus. Das Dritte Ohr um den Sänger Udo
Wolff und dem Gitarristen Tom Schrader, der Bluesbarde
Gerhard Engbarth und die Charly Schreckschuss Band
zählten zu den ersten, die den Blues auch in
deutscher Sprache vortrugen.
Das Interesse und die Bemühungen dieser Musiker
korrespondierten mit der Zunahme an Auftritten und
Tourneen schwarzer Bluesmen unabhängig vom AFBF
in Deutschland in den siebziger Jahren und dem Auftreten
kleiner Plattenfirmen und Produzenten, die den deutschen
Bluesern neue Möglichkeiten der Verbreitung anboten.
Auf dem Ornament Label von Siegfried Christmann erschienen
Aufnahmen von John Lee Hooker und Champion Jack Dupree
neben Platten von Blues Delivery oder der Dusty Broom
Blues Band. Die Plattenfirma Pläne veröffentlichte
Aufnahmen der Delta Blues Band, Das Dritte Ohr wurde
von Teldec produziert, Gerhard Engbarth erschien bei
L+R Records. In Frankfurt gründete sich ein Freundeskreis
von Bluesinteressierten, der German Blues Circle,
der seit 1976 ein monatliches Informationsblatt verlegt
und es gab das Magazin Blues Forum. Bis auf das Info
des German Blues Circle existieren heute leider keine
Zeitschriften von früher mehr, seit ein paar
Jahren ist aber in Deutschland für den Bluesfan
das Journal Bluesnews mit Informationen und Nachrichten
aus der hiesigen Bluesszene erhältlich.
Die von 1962 bis 1970 (1972 gab es zwei Festival-Tourneen)
1980 bis 1983 und letztmalig 1985 eingestellten AFBFs
fanden zunehmend Nachfolger in regionalen Bluesfestivals.
Neben dem Festival in Gaildorf entstanden Bluesfestivals
in Lahnstein, Unna, Leverkusen und Bremen mit zum
Teil exklusiv verpflichteten amerikanischen Bluesgrößen,
die den Kontakt zu originären Bluesmusikern verstärkten
und zugleich lukrative Auftritte für deutschsprachige
Bluesmen boten. Bei der Produktion von Bluesplatten
eroberte sich Detlev Hoegen mit Crosscut Records und
dem angeschlossenen Versandhandel eine wichtige Stellung.
Heute ist Crosscut, neben Document und Stumble Records
das führende Blueslabel im deutschsprachigen
Raum.
Das zunehmende Interesse am Blues bewegte einige schwarze
Bluesmen, sich in Deutschland und Europa niederzulassen
und den direkten Austausch mit den weißen Musikern
hier zu pflegen. Am bekanntesten ist hier Champion
Jack Dupree, der sich 1975 in Hannover niederließ,
wo er 1992 verstarb. Der Gitarrist Louisiana Red lebt
ebenfalls seit Anfang der achtziger Jahre in Hannover.
Er ist regelmäßig mit deutschen und europäischen
Bluesbands auf Tournee und auf zahlreichen Plattenproduktionen
hier ein gerngesehener Gast. Aus Detroit holte der
Bluespianist Christian Rannenberg den Saxophonisten
Gary Wiggins nach Deutschland und tourte viele Jahre
erfolgreich mit ihm als International Blues Duo. Wiggins
lebt und arbeitet heute in Berlin. Der Sänger
und Gitarrist Sidney Selby alias Guitar Crusher kam
von New York nach Berlin und lebt heute in Freiburg.
Feste Bestandteile der deutschsprachigen Bluesszene
heute sind auch der Sänger Ed Davis oder die
Sängerin Angela Brown. Neben den schwarzen Bluesmen
und Blueswomen war auch für einige weiße
Bluesmen die alte Welt attraktiv genug, um sich hier
anzusiedeln, Jim Kahr, Steve Baken Matt Walsh oder
Tom Shaka treten in Clubs und auf Festivals regelmäßig
auf.
Von Anfang an eine besondere Entwicklung nahm im deutschsprachigen
Raum der Boogie-Woogie. Im deutschen Jazz häufig
als Jitterbug annonciert, hatten ihn viele Jazzpianisten
in ihrem Repertoire. In den Berliner Jazzclubs der
fünfziger Jahre begeisterte hier Toby Fichelscher;
Leopold von Knobelsdorff führte die Boogie Woogie
Company in Köln. Eine ganze Garde junger Pianisten
begann sich in den siebziger Jahren diesem Genre zu
verschreiben, zum Teil angeregt durch alte Plattenaufnahmen
der Boogie-Woogie-Größen Albert Ammons
oder Pete Johnson, zum Teil durch die Auftritte und
Gastspiele von Memphis Slim, Champion Jack Dupree,
Sunnyland Slim und anderen Bluespianisten in Europa.
Vince Weber, Axel Zwingenberger und Joe Penzlin etablierten
sich und den Boogie Woogie in der deutschsprachigen
Musiklandschaft. Durch seine Zusammenarbeit mit Big
Joe Turner, Lionel Hampton, Sippie Wallace und vielen
anderen Jazz- und Bluesmusikern gilt Axel Zwingenberger
heute als legitimer Erbe der großen Boogie-Woogie
Pianisten der dreißiger und vierziger Jahre.
Es gibt heute eine ganze Anzahl junger Pianisten,
die sich im Gefolge von Axel Zwingenberger und Vince
Weber dem Boogie-Woogie zugewandt haben; genannt seien
Christian Christi, Christian Willisohn, Martin Schmidt,
Edwin Kimmler, Christian Bleiming oder Ulli Kron.
Waren nach und in der Zeit des AFBF bei den aufkommenden
ersten Bluesgruppen im deutschsprachigen Raum Chicago
Blues, Folk Blues und weiße Bluesadaptionen
die dominierenden Stilrichtungen, traten im Laufe
der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre zunehmend
lokal geprägte Bluesstile aus Texas, New Orleans
und Memphis hinzu. Die stilistische Verbreiterung
hing zum einen mit den häufigeren Kontakten mit
in Europa gastierenden Künstlern zusammen. Diese
traten immer häufiger mit ihren eigenen Begleitgruppen
auf, die ein deutlich prägnanteres Zusammenspiel
präsentieren konnten, als es im Rahmen der AFBFs
möglich gewesen war. Zum anderen übten die
erfolgreichen Blues- und Soulkünstler aus Memphis
und deren Auftritte auf europäischen Jazzfestivals
einen deutlichen Einfluss aus. Eigenständigere
Wege ging die österreichische Gruppe Mojo Blues
Band um den Gitarristen Eric Trauner, die Chicago
Blues und Zydeco, Swamp Blues und Westcoast Rhythm
& Blues verarbeiteten. Als Begleitung von Big
Jay McNeely, Katie Webster und A. C. Reed gewannen
sie Anerkennung weit über die Grenzen Österreichs
hinaus. Die Stormy Monday Blues Band reicherte ihren
Blues mit einer eigenen Horn-Section an.
Neben Bluesgitarre und Boogie-Woogie-Piano steht für
viele Bluesinteressierte die Mundharmonika im Mittelpunkt.
Das Interesse an diesem Instrument lebt seit den Anfängen
des AFBF und den Auftritten von Sonny Boy Williamson,
Junior Wells und Big Walter Horton. In den siebziger
und achtziger Jahren verstärkte es sich zunehmend,
gefördert durch die Auftritte von weißen
Bluesmundharmonikavirtuosen, Charlie Musselwhite,
William Clarke, Rod Piazza oder James Harman begeisterten
hier ein dankbares Publikum. Inzwischen stehen die
deutschsprachigen Bluesmen Thomas Feldmann, Dieter
Kropp oder Klaus "Mojo" Kilian ihren schwarzen
und weißen Vorbildern hier kaum nach.
Texte: u.a. Thomas Gutberlet
und Enzyklopädie des Blues von Gerard Herzhaft