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Der weiße Blues

Weit davon entfernt, nachzulassen und einzugehen, bestand die Bluesbewegung in Amerika, Europa, Japan und anderswo weiter und nahm in den siebziger Jahren sogar noch zu, in genau dem Maße, wie diese Musik internationale Anerkennung fand. Der Blues war fast schon ein Muss für jeden angehenden Rocker, aber in der Rockpresse wie in der Rockliteratur sah man in ihm nichts weiter als die einzige Quelle des Rock, wie auch die Jazzpresse ihm vorher schon seine Funktion als einzige Quelle des Jazz zugeschrieben hatte. Ist der Blues weiß? Ist er schwarz? Die Konfusion erreichte ihren Höhepunkt, als die Bluesgiganten (Muddy Waters, John Lee Hooker etc.) immer mehr weiße Musiker in ihre Bands holten. Amerika hat sich tatsächlich sehr verändert: Die Segregation verschwand endgültig in den sechziger Jahren, und es ging, selbst bei den Schwarzen, logischerweise abwärts mit dem Blues, der - man muss es immer wieder sagen - die Musik der Segregation war. Die jungen Schwarzen identifizieren sich eher mit dem Rap als mit dem Blues, den sie weitgehend ignorieren. Die Weißen (und die Gelben!) - in Amerika, in Europa und in Japan - sind die wesentlichen kommerziellen Stützen dieser Musik geworden, und es ließ sich zweifellos nicht verhindern (war vom Publikum, wenigstens in Amerika, auch wohl unbewusst erwünscht), dass die weißen Bluesmen immer zahlreicher wurden. Man muss sich den bemerkenswerten Erfolg vor Augen führen, den die Blues/Rockmusiker an den Universitäten haben, wie die Nighthawks oder George Thorogood an der Universität von Georgetown in Washington oder die Fabulous Thunderbirds an der Austin University, dann wird uns klar, dass der Blues für ein junges, weitgehend weißes, intellektuelles Publikum in Amerika sogar ein bisschen "Underground Music" geworden ist. Das heißt nicht, dass es den schwarzen Blues nicht mehr gibt wenn es auch manchmal beinahe soweit ist, aber er hat weder die Unterstützung der Medien noch die eines anhänglichen schwarzen Publikums, er ist oft genug nur etwas für die Armen, die keinerlei Bildung haben und sich in der Mediengesellschaft nicht durchsetzen können. Es liegt auf der Hand, dass ein junger schwarzer Musiker, der heute mit dem Blues Karriere machen will, vor allem daran interessiert ist, an den Universitäten und in den Underground Zirkeln zu spielen, denn da findet er das Publikum, das bereit ist, für seine Musik zu zahlen. Genau das tun doch Leute wie Johnny Copeland, die ganze Equipe von Alligator wie Lonnie Brooks oder Koko Taylor, Robert Cray oder Joe Louis Walker etc. Das heißt natürlich nicht, dass es in den schwarzen Vierteln und Gettos leine Clubs mehr gibt. Die Auferstehung des SoulBlues im Süden mit Labeln wie Malaco, Ichiban oder La Jam demonstrieren um die Wette die Beständigkeit des "Chitlin' Circuit", der Kette der schwarzen Clubs und Theater. Aber finanziell ist sie eben weit weniger interessant.
Wie auch immer, es genügt, sich die Grabbelkästen der Plattenhändler anzusehen, die Festivalprogramme, die Artikel in den speziellen Magazinen: Von Jahr zu Jahr und ziemlich schnell wird der Blues immer "weißer". John Nicholas, William Clarke, Jerry Portnoy, Paul Oscher, Lloyd Jones, Downchild, Curtis Salgado, Kim Wilson, Rod Piazza, Ron Levy, Duke Robillard, Angela Strehli, Marcia Ball, Stevie Ray Vaughan, Jeff Healey und viele andere beweisen das.
Noch vor dreißig Jahren hätte kein einziger Beobachter diese Entwicklung des Blues hin zum Immer -weißer- Werden des Publikums und auch der Interpreten voraussehen können, aber nichtsdestoweniger ist sie nicht zu leugnen. Daraus ergeben sich natürlich mehrere Fragen. Ist das noch Blues? In der Form ja, aber seinem Geist nach, seinen Wurzeln, seiner tiefen und emotionalen Bedeutung nach? Wohin geht dieser weiße Bluffs? Die fünfundzwanzig Jahre seiner Existenz haben ja schon gezeigt, dass er sich manchmal auf schwankendem Boden befindet. Wenn er sich fortentwickelt, wenn er sich, was nur natürlich ist, von seiner ursprünglichen Inspiration entfernt, wird er des Verrats geziehen. Im' allgemeinen fließt er dann in die große musikalische Strömung des Rock ein. Bleibt er aber seinen Ursprüngen treu, stagniert er unweigerlich und klingt letzten Endes doch nur wie eine Imitation oder eine Wiederholung.
Ein harter Zwiespalt für den weißen Bluesman, der ja an seine Berufung glauben muss, um sich für diesen unsicheren Weg zu entscheiden. Das beweist auch schlagend, dass der Blues, mag man sagen, was man will (jedermann kann klassischer Pianist werden, ohne seine Abstammung von Mozart herzuleiten!), und auch, wenn ihn das abstempelt, immer noch eine ethnische Musik ist, eng an die Seele der afroamerikanischen Bevölkerung in einem bestimmten Augenblick ihrer Geschichte gekoppelt, nämlich dem Beginn der Segregation Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Dennoch ist es der Form nach Blues - sei er weiß oder schwarz - seiner Bedeutung nach aber ein anderer Blues. Es genügt, auf den spürbaren Substanzverlust in den vielen Bluesaufnahmen von heute hinzuweisen, um das zu erkennen.
Der schwarze Blues - seine elementare Kraft in ihrer erschütternden Originalität drängt sich einem geradezu auf - war durch dieses ganze Jahrhundert hindurch die Hauptwurzel der abendländischen Populärmusik. Alle Strömungen, alle Tendenzen, alle Innovationen haben zu ihrer Zeit, direkt oder indirekt, aus dieser Quelle geschöpft.
Schließlich präsentieren sich so exzellente Musiker wie Rod Piazza, Honey Alexander, Ronnie Earl, Ron Levy, Duke Robillard, Steve Freund, Little Charlie, Rick Estrin, Stevie Ray Vaughan nicht unbedingt als Bluesmen, eher als Verfechter einer Rückkehr zu den kulturellen Wurzeln der amerikanischen Musik (Roots Music): Blues, Hillbilly, Rockabilly, Rock and Roll etc. Vor allem wollen sie Vorsänger einer anderen musikalischen Richtung (Alternative Music) sein angesichts der mechanischen Abgeschmacktheiten der Top 40 jeder Couleur. Sie bestätigen mit Nachdruck, dass am Ende dieses Jahrhunderts das Licht des Blues den anspruchsvollen Musiker und auch die Musik, mit all ihrem Feeling und ihrer Emotionalität, immer, noch leitet.


Chris Duarte


Kenny Wayne Shepherd


Omar Kent Dykes
Omar and the Howlers


Rory Gallagher


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